deutungsvielfalt.de: Künstliche Intelligenz, die zweite Revolution der industriellen Menschheitsgeschichte

Transformation in eine Arbeitswelt 4.0

In welche “neue Normalität“ soll uns die digitale Trans­formation führen? Wie möchten wir unsere zukünftige Arbeitsweltgestalten? Mit diesem Artikel möchten wir Hintergründe und Zusammenhänge dieser Transformation vielschichtig beleuchten und zum Nachdenken, Nachfühlen und Mitgestalten anregen.

Ein kurzer Streifzug durch unsere Industriegeschichte

Die erste industrielle Revolution 1.0 Mitte des 18. Jahr­hunderts fußte im Wesentlichen auf der Unterstützung körperlicher Arbeit durch Maschinen. Sie wurden zunächst regenerativ mit Wasser- und Windkraft betrieben, im 19. Jahrhundert wurden sie von kohlebefeuerten Dampfmaschinen verdrängt. Im 20. Jahrhundert kamen erdölbetriebene Motoren hinzu, das Erdöl ermöglichte den ersten industriell geführten Weltkrieg. 1913 führte Henry Ford die Fließbandarbeit (Industrie 2.0) ein, die Geburt der Automobilindustrie. Bereits frühzeitig stellte man sich im Ölkonzern Shell die Frage: „what comes after oil?“. 1973 erfuhren die Menschen durch den Ölschock ausgelöste Fahrverbote zum ersten Mal die Endlichkeit der Ressourcen. In den 80ern folgten Fahrverbote nach Smogalarmen. Die Zerstörung der Welt und Beeinträchtigung unserer Gesundheit durch Verkehr und industrielle Produktion rückten zunehmend in unser Bewusstsein. Die zunehmende Automatisierung ermöglichte der IG-Metall die 35-Stundenwoche durchzusetzen. Während sich die alte Ökonomie damit beschäftigte, wie industrielles Wachstum mit weniger Rohstoffen ökologischer fortgeführt werden konnte, nahm in den 1980er Jahren die zweite Revolution Fahrt auf: Die Verlagerung von Denkaufgaben auf elektronische Maschinen.

Die Grenzen des industriellen Wachstums

Das Wachstumsdiktat der unseres Schuldgeldsystems brachte die industrielle Old Economy aufgrund endlicher Ressourcen, Umwelt­belastung, Marktsättigung­seffekten und abnehmender Innovations­­perspektiven zu­nehmend in Be­dräng­­nis. Die New Economy hingegen profitierte mit innovativen Produkten und Dienstleistungen mit einem wesentlich geringeren Rohstoff­bedarf. In einem rasanten evolutionären Prozess konnten immer anspruchsvollere “Aufgaben 3.0“ von immer schnelleren, klei­neren, kostengünstigeren, für sehr unterschiedliche Ein­sätze programmierbaren Maschinen geleistet werden. Die Progra­mmierung wurde zunehmend aufwendiger und mit den Plänen zum vollautomatisch fahrenden Auto stieß man an die Grenzen des mit herkömmlicher Software Machbaren.

Künstliche Intelligenz

Für hochkomplexe Aufgaben werden heute Maschinen mit künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt. Die Funktionalität dieser Maschinen wird nicht mehr programmiert, sondern mit großen Datenmengen (Big Data) trainiert. KI-Maschinen “lernen“ so im Sinne eines Reverse Engineering menschliches Verhalten. Nun können die KI-Maschinen in einem kontinuierlichen Kreislauf eigenständig dazulernen. Solche “Data Driven Ecosystems“ sind bereits bei Amazon und Google im Einsatz. Im Zuge einer rasanten Entwicklung von KI-Maschinen, werden Wertschöpfung und Innovation zunehmend vom Besitz umfangreicher Daten abhängig sein.

Einen ähnlichen Trend sehen wir auch in der Pharmaindustrie. Her­kömmliche Impfstoffe basieren meist auf abgeschwächten „natürlichen“ Erregern, die neuen DNA/mRNA Impfstoffe werden gentechnisch „programmiert“. Daher wird auch für die Pharmaindustrie die Erfassung und Auswertung von persönlichen Gesundheitsdaten und die Entschlüsselung des menschlichen Genoms immer wichtiger.

Wettbewerb zwischen der Old- und New Economy

Wir stehen am Beginn einer tiefgreifenden Revolution lernendender Maschinen. Im Schatten des „Krieges gegen das Coronavirus“ bauen Konzerne der New Economy wie Microsoft, Google, Apple, Facebook, Amazon, Alibaba, Netflix, Spotify, Uber, Airbnb, Lieferando …ihre „virtuellen“ Geschäfts­modelle aus. Die New Economy steht für ein neues Zeitalter der Monopole virtueller Handelsplattformen und des Ersatzes von Produkten durch Dienst­leistungen (Smart Services). Es herrscht ein disruptiver Verdrängungs­wettbewerb um die alleinige Hoheit über personen­bezogener Daten, ein Kampf, der mit der unerschöpflichen Macht des Kapitals und massivem geopolitischem Einfluss US-amerikanischer und chinesischer Hightech-Unter­nehmen geführt wird.

Die digitale Transformation wird vermutlich tiefgreifender und schneller ablaufen als sich es viele von uns vorstellen können. So verfolgt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos mit “The Great Reset“ einen revolutionären Ansatz, der im Zuge der Corona Maß­nahmen beschleunigt werden soll. „Im Jahr 2030 werden sie nichts besitzen und glücklich sein“ lautet die sozialistische Verheißung des Forums. (Quellen: weforum.org, Buch “COVID-19: Der Große Umbruch“ von Klaus Schwab, Gründer des WEF)

Im Zuge der aktuellen Corona-Beschränkungen können wir gut beobachten, wie materieller Konsum, reales Erleben und menschliche Begeg­nungen zunehmend digitalem Entertainment und virtueller Kommunikation weichen. Die großen Internet­handels­plattformen wachsen, Lieferando wird in Zukunft vermutlich mehr Geld an einer Pizza verdienen als der Pizzabäcker.

Transformation der Auto­industrie

Wird sich auch die Mobilität zu einem Smart Service entwickeln? Wird das Lenken von Autos bald nur noch KI-Maschinen erlaubt sein? „Wir werden in 20 Jahren nur noch mit Sondererlaubnis selbständig Auto fahren dürfen“ sagte Angela Merkel 2017 in Argentinien, über Autofahrer sagte sie: „Wir sind das größte Risiko“. Frau Merkel geht offenbar davon aus, dass der Mensch spätestens in zwanzig Jahren der Technik unterlegen sein wird. (Quelle: welt.de)

Auch schwinden die Anreize, neue Autos zu kaufen. Fahrzeug­generationen und Klassen werden sich vorwiegend in Größe, Design und Prestige unterscheiden. Die Fahrzeugtechnik wird zunehmend standardisiert, die Wertschöpfung wird sich vermutlich immer weiter zu Software und Smart Services außerhalb der Fahrzeuge verlagern.

Die US-Unternehmen der New Economy konnten sich hier in den letzten 30 Jahren einen großen Wissensvorsprung erarbeiten. Ihre Vorherrschaft basiert auf einem jahrelang mit Wagnis­kapital und Subventionen finanzierten, risikofreudigen Ver­drängungs­­­wettbewerb. Sie schöpfen ihre Innovationskraft aus föderativen, demokratischen Organisationsstrukturen und kaufen mit gewaltigen finanziellen Ressourcen Startup Unternehmen auf.

Unternehmen der Old Economy wie die Automobilindustrie hingegen finanzieren ihre Transformation meist aus laufenden Ge­winnen. Die Fokussierung auf Kosten­reduzierung durch Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedrig­lohnländer vernachlässigt lange überfällige Effizienzsteigerungs-maßnahmen durch Bürokratie­abbau und Auto­matisierung verbleibender Verwaltungs­­abläufe. Überregulierte Abläufe werden meist hierarchisch verwaltet, unternehmerische Risiken werden vermieden. Die alte Technologie wird zwar weiterhin benötigt, die Wertschöpfung steckt jedoch in der Innovation. Wir brauchen eine Strategie der langfristigen Potenziale, statt den Fokus auf kurzfristige Gewinne zu richten.

Die Evolutionsgeschichte geistiger Arbeit

Die ersten geistigen Arbeitsbereiche entstanden vermutlich mit der Entwicklung unseres Bewusstseins. Der Mensch verab­schiedete sich vom Tierreich, es entstanden Sprache und Schrift. Wissen konnte nun generationsübergreifend verbreitet werden. Mit der Erfindung des Buchdrucks und Übersetzung der Bibel im 15. Jahrhundert wurde Wissen allen Bevölkerungs­schichten zugänglich. Es war der Beginn der Arbeitswelt 1.0. Im Zuge der Industrialisierung 2.0 wurden auch geistige Arbeiten wie Forschung, Entwicklung und Verwaltung arbeitsteilig organisiert. Im 20. Jahrhundert führte uns die Erfindung der Elektronenstrahlröhre und des Transistors in einer rasanten Evolution zur heutigen Arbeitswelt 3.0. Leistungsstarke Rechen- und Daten­speicher­ungs­­­maschinen ermöglichen uns heute die Nutzung komplizierter Rechenmodelle (z.B. Simulationen), eine unbe­grenzte Speicherung von Daten und einen weltweit vernetzten Informations­austausch in Echtzeit.

Die Revolution der Arbeitswelt 4.0

Wir stehen nun an einer bedeutenden Schwelle der Menschheitsgeschichte. Nachdem die Produktion bereits weitgehend von Maschinen erledigt wird, stehen wir bei der Automatisierung geistiger Tätigkeiten erst am Anfang. Mit künstlicher Intelligenz werden zunehmend anspruchsvollere geistige Aufgaben von lernfähigen Maschinen erledigt werden können. Während die Automatisierung von Handarbeit an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit stößt, steht die Übernahme geistiger Arbeit durch KI-Maschinen erst am Anfang einer rasanten Entwicklung. Der zunehmende Einsatz von KI bedingt einen tiefgreifenden Umbau von Arbeits­verständnis, Arbeits­abläufen sowie Orga­nisa­tions- und Führungs­strukturen.

Den Kostenwettbewerb zwischen Menschen und Maschinen werden wir langfristig nur gewinnen, wenn wir menschliche Qualitäten wie das Verständnis von komplexen inter­disziplinären Zusammenhängen, Kreativität und Empathie in den Vordergrund unseres Handelns stellen. Hierbei ist nicht das technisch Machbare entscheidend, sondern das menschlich Sinnvolle, sonst wird der Mensch zu einem kleinen Rädchen in einer starren, immer weniger kontrollierbaren digitalen Verwaltungs- und Kontrollmaschine verkümmern.

Automatisieren wir unsere Arbeit an der richtigen Stelle?

Große Unternehmen überlassen die Vorauswahl von Bewerbern Multiple Choice Frage- und Auswertungsmaschinen, E‑Learning Maschinen ersetzen leben­­dige Schulungen, während viele Verwaltungsabläufe noch traditionell ablaufen besitzen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben müssen große Unternehmen unnötigen Bürokratismus abbauen, um danach die richtigen Aufgaben in die virtuelle Welt umzuziehen! Es ist nicht sinnvoll, überfrachtete Verwaltungsabläufe beizubehalten oder sogar weiter aufzubauen, nur weil sie digital effizienter ablaufen.

Wo sehen wir unsere Zukunftsperspektiven?

Was passiert nun mit den Menschen, die in traditionellen Bereichen arbeiten bzw. nur die alte Technologie beherrschen? Erhalten Sie die Möglichkeit, sich frühzeitig neu zu qualifizieren oder werden sie obsolet? Werden lieber Startup Unternehmen zugekauft, statt die eigene Innovationskraft voranzutreiben? Fehlt das Vertrauen in unsere Lernfähigkeit?

Wo sehen wir unsere Zukunft? In einer kreativen, menschlichen Arbeitswelt mit einer Vielfalt unterschiedlich denkender und fühlender Menschen oder in einer transhumanistischen, durchstandardisierten, globalen Monokultur?

Besinnen wir uns auf unsere Qualifikation, Freude dazuzulernen sowie Fähigkeit und Akzeptanz eigenständigen, unkonventionellen Denkens und Handelns. Dies ist der Wettbewerbsvorteil unserer Kultur und Voraussetzung für Innovation!

Ergreifen wir jetzt die Chance, eine erfüllende, lebendige Arbeitswelt mitzugestalten! Lassen wir uns nicht eine „Neue Normalität“ im globalen Interesse von Macht und Geld vorsetzen!

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